Da räumte jemand gründlich auf in der Stadt. So viel war sicher. Und wie es schien, war damit noch lange nicht fertig. Die Bürotür wurde aufgerissen wie im Sturmwind. »Navratil! Wurzinger! Zum Rapport! Und zwar im Laufschritt, wenn ich bitten darf! Zack-zack!« Die Bürotür wurde zugedroschen wie im Sturmwind. Elisabeth, Betty-Tulli, Navratil schaute ihren Kollegen Karl, Charly, Wurzinger, der gerade erst an seinem Arbeitsplatz erschienen war und seinen Mantel bedächtig und akkurat am Kleiderständer aufhängte, missmutig an. Sie selbst war erst gar nicht nach Hause gefahren, hatte die Stunden bis zur Morgendämmerung im LKA verbracht, war übernachtig. »Na Tulli. Jetzt können wir uns vom Obodenus die Watschen abholen.« »Ja. Und mal ehrlich - die haben wir uns auch redlich verdient, die Watschen.« Also hinauf in den vierten Stock, in die Höhle des Löwen, in die Höhle des Walrosses! Es war acht Uhr morgens und Oberst Conrad Hugenpansch, auch liebevoll das Walross genannt, hatte schlechte Laune. Verdammt schlechte Laune. Chefinspektor Wurzinger zuckte hilflos die Schulter, blies seufzend und pfeifend Luft aus seinen Lungen wie ein löchriger Blasebalg. »Tja, Betty-Tulli. Da müssen wir jetzt durch. Hilft nix.« »Lass ihn noch zehn Minuten warten, bis er sich abgekühlt hat.« Zögerlich betraten sie das Büro ihres Vorgesetzten, wagten nicht, unaufgefordert auf den beiden leeren Bürostühlen Platz zu nehmen. Das Walross herrschte mit hochrotem Kopf hinter einem fulminanten, massiven Holzschreibtisch aus Mahagoni, der den halben Raum ausfüllte, ihn wuchtig dominierte. Den hatte Hugenpansch anno dazumal im Bundeskanzleramt, im Metternich-Zimmer abgestaubt, als Geschenk seiner Loyalität dem Herrn Bundeskanzler gegenüber. Jetzt thronte er dahinter wie einst Kaiser Bruno. Im Landeskriminalamt, 9. Bezirk, Berggasse 43, im vierten Stock. Wie Oberst Hugenpansch zu seinem ambivalent schmeichelhaften Spitznamen gekommen war, war unschwer zu erraten, sobald man seiner Person ansichtig wurde. Breites, rundes Gesicht wie Pfannkuchen, kahle Stirn bis in den Nacken, hängender, schneeweißer Schnauzbart - Walrosshauer -, und hervorquellende Basedow-Augen. Von seiner beachtlichen Leibesfülle ganz zu schweigen. Hugenpansch wusste über seinen tierischen Schmähnamen Bescheid - die Presse war da nicht zimperlich und das Internet schon gar nicht -, trug ihn aber mit selbstironischem Stolz und Humor, hing doch glatt das siebzig mal achtzig Zentimeter große gerahmte Bild eines imposanten Walrosshauptes in seinem Büro. Direkt hinter seinem Schreibtisch, direkt über seinem Kopf, sodass man meinen konnte, es wäre ein Selbstporträt. Wehe dem, der da blöd grinste! Hugenpansch war immer für einen druckreifen und deftigen Sager gut. Aber angesichts einer monatelangen Mordserie, die epochal die Stadt erschütterte, war selbst dem Walross der Schmäh ausgegangen. Acht Mordopfer, das letzte gestern, in einem bummvollen Innenstadtlokal! Selbst seine besten Chefermittler vermochten diesem Wahnsinn keinen Einhalt zu gebieten! Anberaumte Pressekonferenzen wurden kurzfristig abgesagt. Er habe Wichtigeres zu tun, man stehe kurz vor einem ermittlermäßigen Durchbruch und dürfe den nicht gefährden.
schovat popis- Nakladatel: Federfrei Verlag
- Kód:
- Rok vydání: 2025
- Jazyk: Němčina
- Vazba: Taschenbuch
- Počet stran: 370
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